AYURNA Praxis für Ayurveda & Naturheilkunde

Blutegel – Eine Renaissance

In der akademischen Medizin spielten die Blutegel am Anfang des 20. Jahrhunderts keine Rolle mehr, blieben aber in der europäischen Volksmedizin erhalten. In den zwanziger Jahren leitete der Wiener Arzt Bernhard Aschner (1889-1960) mit der Wiederentdeckung und Weiterentwicklung des humoral-pathologischen Denkens eine neue Ära in der Naturheilkunde ein, in der die Blutegel erneut einen wichtigen Platz einnahmen. Die von ihm vorgeschlagenen Heilungsverfahren, die „Aschner-Methoden“, gelten in der Komplementär-Medizin noch heute als unumgänglich. ( Kaehler Schweizer & Westendorf „Hirudotherapie – Ein Handbuch der Blutegel-Therapie“ S. 31, erschienen im Belisana Verlag)

 

Die Geschichte des Blutegels

Die Behandlung mit dem medizinischen Blutegel (Hirudo medicinalis) zählt zu den ältesten Heilmethoden, die die Menschheit kennt.

Das Wort „Egel“ leitet sich nicht etwa von „Ekel“, sondern vom griechischen Wort „Echis“ = Schlange ab: Die medizinische Bedeutung des Blutegels war schon im Alterum derart groß, daß er sich vermutlich in Gestalt der Schlange im bekannten Symbol des Aeskulapstabes ⚕️ wiederfindet. Die Germanen verwendeten die Worte „Blutegel“ und „Heiler“ nahezu synonym; im Englischen wurden die Heiler des Mittelalters als „leecher“ (leech = engl. Blutegel) bezeichnet. Dhanvantari, der indische Gott des Ayurveda, trägt einen Blutegel in einer seiner vier Hände. Die alten Griechen kannten bereits die Blutegeltherapie. Hippokrates ( 460 – 377 v.u.Z.), der Begründer der Vier-Säfte-Lehre (Humoralpathologie), hatte die Blutegel als Parasiten und Möglichkeiten der Entfernung vom Körper erwähnt. Er selbst verwendete jedoch die Blutegel in der Therapie nicht. Die Vier-Säfte-Lehre war die Grundlage der akademischen Medizin, bis sie durch die Zellularpathologie im 19. Jahrhundert verdrängt wurden.

Auch Tiere wissen von der heilenden Wirkung der Egel: in bestimmten Regionen der Erde begeben sich erkrankte Rinder instinktiv in egelreiche Gewässer.

Die plastische Chirurgie hat die sensiblen Blutsauger in den 80er Jahren wiederentdeckt, als das abgerissene Ohr eines kleinen Jungen nur mit Hilfe von Blutegeln wieder anwachsen konnte. Auch heute werden z.B. Hauttransplantate, welche drohen, abgestoßen zu werden, erfolgreich mit Egeln gerettet. Zunehmend erleben Blutegel eine Wiederentdeckung in der modernen Heilkunst.

Wie wirkt Blutegeltherapie?

Die Wirkung des Blutegels ist doppelt: die ausleitende Wirkung des sanften Aderlasses führt einerseits zu einem Ausschwemmen von Entzündungs- und Giftstoffen. Andererseits wirkt jeder einzelne Egel wie eine Art lebendige Spritze auf den Körper. während des Saugvorgangs gibt der Egel seinen Speichel, die sog. „Saliva“, in die Bißstelle hinein. Während früher der Blutentzug als wichtigste Komponente der Blutegelbehandlung angesehen wurde, wissen wir heute, dass der Speichel einzigartige biologisch aktive Stoffe (BAS) enthält. Diese rufen vielfältige Heilungseffekte im Organismus des „Opfers“ hervor.

Das Blutegelsekret stammt hauptsächlich aus den Speicheldrüsen. Ausserdem enthält es Substanzen, die von Zellen des Egelverdauungskanals und von dort lebenden bakteriellen Symbionten sezerniert werden. Darüber hinaus sind aus dem gesamten Blutegel noch andere BAS isoliert worden, die in unterschiedlichen Geweben vorkommen und deren Verteilung im Körper im Einzelnen noch nicht bekannt ist.

Biologisch aktive Substanzen (BAS) im Speicheldrüsensekret

Das Speicheldrüsensekret des medizinischen Blutegels besteht zu ca. 90 % aus Wasser. In diesem sind biologisch aktive Eiweisse und Peptide, Lipide sowie Polysaccharide enthalten. Bisher konnte nur ein Teil der wahrscheinlich mehr als 100 BAS des Sekrets identifiziert werden.

Mit der Verfeinerung der Analysemethoden wurde es möglich, die verschiedenen Komponenten des Sekretes zu isolieren und zu charakterisieren. Das Wissen über die physiologischen und pathophysiologischen Wechselwirkungen zwischen Wirtsorganismus und Egelsekret wurde in den letzten Jahren zusammengefasst, kritisch bewertet und vor allem in Russland durch Forschungen vertieft (Bakova und Iskhanjan, 2004; Hildebrandt und Lemke, 2011; Kamenex und Baranovskij, 2006). Dadurrch kennen wir heute nicht nur die Natur und Struktur, sondern auch die physiologischen Effekte einiger Substanzen im Speicheldrüsensekret.

Die besondere Bedeutung des Hirudins

Früher nahm man an, dass allein das Hirudin für die Heilwirkung des Egelspeichels verantwortlich sei. Das Hirudin ist der stärkste bisher bekannte Thrombinhemmer und wird während der Blutmahlzeit verbraucht. Das erklärt, warum nach der Behandlung kein Hirudin im Blut der Patienten nachweisbar ist. Um die Gerinnung sicher zu hemmen, hat der Blutegel diesen idealen Wirkstoff entwickelt. Das Thrombin erfüllt bei der Blutgerinnung lebenswichtige Aufgaben. Sein Wirkungsspektrum ist jedoch wesentlich breiter: das Hirudin kann über die Thrombinhemmung in viele Regelkreise des menschlichen Organismus eingreifen kann.

Vergleichstabelle: Hirudin versus Heparin

Hirudin als ReinsubstanzHeparin
irreversible dirkete Thrombininhibition benötigt keinen Kofaktorkeine direkte Thrombininhibition
benötigt den endogenen Kofaktor AT III
hat keine Antagonisten, wird nicht von Heparinase neutralisiertwird von Heparinase neutralisiert
wird hauptsächlich unverändert mit dem Urin ausgeschiedenwird in der Leber verstoffwechselt
keine direkte Wirkung auf die Thrombozytendirekte oder immunvermittelte Thrombozytenaktivierung
begrenzte Wirkung auf das schon im Thrombus gebundene Thrombinhat keine Wirkung auf das schon im Thrombus gebundene Thrombin
verursacht keine Thrombozytopeniekann eine Thrombozytopenie verursachen
nicht lebertoxischkann eine Erhöhung der Leberenzyme verursachen
10-fach stärker wirksam als Heparin10-fach schwächer wirksam als Hirudin
Literatur: Markwardt F., 2002: Historical Perspective of the Development of Thrombin Inhibitors. Pathophysiol. Haemost Thromb 32 (3): 15 -22.

Informationen des Patienten über die Behandlung

Die Vorbereitung der Patienten für die Begegnung mit Blutegeln ist sehr wichtig, um eventuelle Ängste und Vorbehalte abzubauen. Damit beugt man auch einen eventuellen Abbruch der Therapie infolge schlechter Erfahrungen der Behandelten vor.

Es muss klar sein, dass die Blutegeltherapie ein invasives medizinisches Verfahren ist, das nur von spezifisch ausgebildeten Therapeuten durchgeführt werden sollte. Dazu gehören auch Kenntnisse im Umgang mit Blutegeln, zur Verbandstechnik und zu den Nachwirkungen der Hirudotherapie.

Für die Therapie dürfen nur gesunde vitale Blutegel verwendet werden, um eine effektive Behandlung zu sichern und Komplikationen zu vermeiden.

Wichtig ist eine ruhige (!) Atmosphäre in der Praxis, da die Blutegel dann wesentlich besser und schneller beißen. Es ist empfehlenswert, den Patienten vor der Therapie medizinische Informationen über die Blutegelbehandlung, Beiträge aus Fachzeitschriften sowie ein Merkblatt zur Kenntnis zu geben. Für die Patienten meiner Praxis nutze ich dieses Merkblatt.

Was ist noch zu beachten?

Vor der Behandlung ist die Bestimmung der Eisen- und Gerinnungswerte erfolgen. Die notwendige Blutuntersuchung sollte spätestens 10 Tage vor der Therapie erfolgen.

Weitere Informationen entnehmen Sie gerne auch meiner Seite zu Blutegeltherapie.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to Top