Das Stimmelexier der Skalden

Heute morgen bin ich mit einem leichten Kratzem im Hals aufgewacht und im ersten Moment war ich im ersten Moment etwas verzweifelt. Hoffentlich werde ich nicht etwa heiser oder etwa krank – War mein erster, panischer Gedanke. Der Blick aus dem Fenster hat meine drübselige Stimmung noch gefördert. Es zeigte sich, dass der Schnee nun in Offenbach angekommen ist.

Und während meines Morgenrituals im Badezimmer, fiel mein Blick auf ein kleines Fläschen Anu Thailam und ich erinnerte mich an einen besonderen Tee. Diese Teemischung habe ich bei Markus Ludwig (Midgard-Kalari) kennengelernt. Während dieses Praktikums war Markus meistens trällernd schneller gehört wie gesehen. Markus hatte ein weiteres Hobby entdeckt: den Gesang. Und zur Pflege seiner kostbaren Stimme nutzte er einen Tee, den er Skalden-Tee nannte.

Diesen Skalden-Tee, das Stimmelexier, möchte ich heute vorstellen. Ob diese Mischung eine Kreation von Markus ist oder ein seit Jahrhunderten überliefertes Rezept, kann ich nicht sagen. Mit großer Überzeugung kann ich von seiner stimmpflegenden Eigenschaft berichten. Aus diesem Grund möchte ich das Stimmelexier der Skalden vorstellen.

Doch wer sind oder waren die Skalden?

Die Skalden waren die Dichter und Sänger des mittelalterlichen Skandinaviens, vielleicht auch der Wikinger. Oftmals stammten die Skalden selbst aus der Aristokratie und waren überwiegend männlich. Doch auch Frauen waren dieser Berufsgruppe zugeordnet. Sie waren die Überliefer der alten Traditionen und dichteten über die alten Helden vergangener Zeiten.

Das Handwerkszeug der Skalden war auf jeden Fall ihre Stimme. Ohne Stimme waren sie nicht in der Lage die tapferen Männer, Schlachten oder andere Geschichten ihren Zeitgenossen zu berichten. Aus diesem Grund sollen sie spezielle Kräuter, Tränke zur Pflege der selbigen mit sich geführt haben.

5 besondere Zutaten

Das Skaldenelexier besteht aus fünf einfachen Kräutern und Gewürzen. Diese Kräuter sind bei uns gut zu bekommen und wer sogar Lust und Muse hat, kann diese einfach selber sammeln, trocknen und weiterverarbeiten.

Eibisch

Der Eibisch gehört zu den Malvengewächsen. Vorzugsweise wächst er auf Wiesen mit nassfeuchten, eher salzhaltigen Böden. Seine Heimat liegt vermutlich in der Region zwischen dem Kaspischen Meer und dem östlichen Mittelmeer. Die Pflanze ist eine ausdauernde, behaarte Staude mit einer einer Wachstumshöhe bis zu 1,5 m. Auffällig an dieser Pflanze sind die gestielten, drei- bis fünflappigen und am Rand unregelmäßig Blätter mit einer filzigen, weißlichen Behaarung. Während der Blütezeit im Sommer bis Herbst bilden sich meist mehrere rötlich-weißliche Blüten. Leider sind Wildbestände der Pflanze überaus selten, doch viele Unterarten haben EIngang in unsere Gärten gefunden.

Meistens wird die Eibischwurzel (Althea radix) verwendet und eher in zweiter Linie das Eibischblatt. Der Eibisch hat eine Positiv-Monographie der Kommission E, der ESCOP und der WHO (Wurzeldroge). Im Ayurveda wird die Pflanze Khatmi (hindi: Gulkhairo) genannt. Sie verringert vata und pitta, bringt kapha zum Fließen. Rasa ist süß und die Gunas sind ölig, schleimig und schwer. Vipaka ist süß, die Virya gilt der Eibisch als kühlend.

Eibisch wird als ein schleimstoffhaltiges Hustenmittel bei trockenem Reizhusten und im Initialstadium einer Erkältung angewandt. Positive Wirkung wird den Eibischzubereitungen auch bei Schleimhautentzündungen im Mund- und Rachenraum nachgesagt. Die Schleimstoffe wirken aufgrund ihrer viskösen EIgenschaften reizlindernd auf entzündete Schleimhäute. In vitro hat der Eibisch sogar antimikrobielle sowie hypoglykämische Eigenschaften und ein komplementaktivierender Effekt gezeigt, speziell für anaerobe und fakultativ aerobe Mundkeime. Der Ayurveda setzt Eibisch speziell für seinen schleimbildenden, auswurffordernen Wirkungen auf die Atemwege ein, weniger für die Entzündungshemmung.


Lungenkraut

Das Lungenkraut ist ein eher unscheinbares, doch hübsches Pflänzchen und gehört zu den Borretschgewächsen (Fam. Boraginacea). Es liebt kalkhaltige Böden und ist in schattigen Laubwäldern, Gebüschen und Hecken in Europa anzutreffen. Die Pflanze selbst wird nur ca. 15-30 cm groß und hat einen dünnen, ästigen Wurzelstock sowie einen aufrechten, leicht kantigen und behaarten Stängel. Die Blüten der Pflanze sind zunächst erst rötlich, später bläulich. Die Blühzeit der Pflanze findet sich zwischen März und Mai.

Die alten Kräuterexperten des Mittelalters scheinen die Pflanze nicht genutzt zu haben. Hildegard von Bingen berichtet von einer Lungenwurz, bei der es sich um Pulmonaria Officinalis gehandelt haben könnte. Eindeutig lässt sich die Pflanze bei Matthiolus nachweisen, der ihre Anwendung bei Blutspeien rühmt: „dieß kraut ist bey vielen in Beruff kommen/ es heyle die Schwär an der Brust; ich habs zwar versucht im blutspeyen/ und treffentliche Hülff befunden.“ Später wurde es bei Lungenleiden, Heiserkeit und als Wundmittel verwendet. Die Blätter wurden teilweise in Eierkuchen gebacken oder auch in die Suppe gegeben. Die Bayern kannten sogar ein „Lungenbier“, bei dem das Lungenkraut sogar in Bier gesotten und an einem kühlen Ort in Flaschen aufbewahrt wurde.

Die Kommission E hat dem Lungenkraut (Pulmonariae herba) eine Null-Monographie erstellt. Das Lungenkraut besitzt mit bis zu 3% einen hohen Gehalt an Kieselsäure. Weiterhin finden sich auch hier Schleimstoffe sowie Flavonoide und etwas Gerbstoffe. Aufgrund der SChleimstoffe und Gerbstoffe liegt eine reizlindernde und vermutlich expektorierende Wirkung vor. Der hohe Kieselsäuregehalt wirkt sich, so wird postuliert, günstig auf das Bindegewebe aus.

Das indische Lungenkraut (Vasaka) gehört zur Pflanzenfamilie Acanthaceae und ist ein schleimbildendes Expektorans. Damit hat es ähnliche Wirkungen wie das hier aufgeführte Lungenkraut, darf aber nicht mit diesem verwechselt werden. Eine Analyse unter ayurvedischen Gesichtspunkten muss noch erfolgen. unter humeralpathologischen Gesichtspunkten ist das Lungenkraut mit einem Feuchtigkeitsgrad 1 eingeordnet, daher im Widerspruch zu Vasaka das als trocken und leicht eingestuft wird.

Wie der Name schon Nahe legt, wird das Lungenkraut in der Erfahrungsheilkunde bei Erkrankungen und Beschwerden des Atemtrakts eingesetzt. Eine Reizlinderung erstreckt sich auf entzündete Schleimhäute, sowohl Rachen und Mund, als auch von Magen und Darm. Als Expektorans ist Lungenkraut eher von untergeordneter Wichtigkeit.

Süßholz

Ein weiteres wichtiges Bestandteil des Skaldentees ist das Süßholz, speziell die Wurzel. Im Lateinischen trägt die Pflanzen den wohlklingenden Namen Glycrrhiza glabra. Die Wurzel enthält bis zu 14 % Glycrrhizin. Es ist etw 50-mal süßer als Rohrzucker und schmeckt nach Lakritz. Es gibt verschiedene Arten des Süßholzes, was mehr für den Handel interessant ist als für den Gebrauch. Die Arzneibücher kennen bezüglich der unterschiedlichen herkunft keine Vorschrift. Geschmacklich werden besonders das Spanische sowie das Türkische geschätzt. Süßholz gehört zur Familie der Schmetterlingsblütler. Heimisch ist es auf grasigen Plätzen und in lichten Gebüschen im Mittelmeergebiet, in Mittel- bis Südrussland sowie von Kleinasien bis Persien. Sie liebt sandige und lehmige Böden. Vom Wuchs her wird die holzige Staude bis zu 1-1,5 m hoch und besitzt eine Lebensdauer von ca. 15 Jahren. Sie besitzt ein ausgedehnter Wurzelsystem, das jährlich eine Anzahl aufrechter Zweige austreibt.

Als Medizinalpflanze ist die Süßholzwurzel seit langer Zeit bekannt und geschätzt. Ihre Verwendung findet sowohl im europäischen als auch asiatischen Kulturraum seit altersher statt. Die Griechen und Römer setzten sie schon damals bei Husten und Atemwegserkrankungen ein. Aus diesem Grund ist es sicherlich nicht verwunderlich, daß die Süßholzwurzel eine Positiv-Monographie der Kommission E, der ESCOP und der WHO besitzt. Der aus getrockneter Wurzeln gewonnene Saft ist als Lakritze bekannt.

Süßholzwurzel wirkt antiphlogistisch, expektorierend und sekretolytisch, spasmolytisch, schleimhautprotektiv und antiulzerogen sowie hepatoprotektiv. Hinzu kommen antivirale und bakterielle Eigenschaften. Süßholzwurzel ist als Droge nicht unbedenklich einzusetzen. Aufgrund einer mineralokortikoiden Wirkung kann es bei längerer Anwendung in höherer Dosis zu Kaliumverlusten, Ödemen, Bluthochdruck und weiteren Symptomen kommen.

Im Ayurveda wird Süßholz als Yastimadhu oder Madhuka bezeichnet und sehr geschätzt. Es verringert vata und pitta und ist von den Gunas schwer und ölig. Die Vipaka ist süß und die Virya kühlend. Für die Atemwege setzt Ayurveda hier vorallem auf die auswurffördernde Wirkung des Süßholzes.

Fenchel

Der Fenchel ist nicht nur als Gemüse sondern auch als Gewürz bekannt. Viele wissen nicht, dass es zwei verschiedene Arten von Fenchel gibt, den Süß Fenchel und den Bitter Fenchel. Nicht nur Hildegard von Bingen schätzte den Fenchel sehr sondern bereits die Sumerer, greichen, Römer und viele mehr. Selbst das Kamasutra kennt eine Rezeptur aus Lakritze, Honig, Zucker, Fenchelsaft und Milch „um die Manneskraft zu steigern“. Daher wundert es nicht, dass Fenchel auch als „geiles Gemüse“ bezeichnet wird.

Fenchel, speziell die Fenchelfrüchte/ Fenchelöl haben eine Positiv-Monographie der Kommission E, ESCOP und WHO. Hauptsächlich ist der Fenchel bekannt für seine angenehme, beruhigende Wirkung auf den Verdauungstrakt. Weniger bekannt ist die große Bedeutung in der Behandlung von Atemwegserkrankungen, v.a. Kattarrhen der oberen Luftwege. In Einzelfällen können allergische Reaktionen der Haut und der Atemwege auftreten. Der Ayurveda kennt Fenchel unter den Namen Madhurika (Hindi: Saumph). Madhurika verringert vata und pitta und ist in seinen Geschmacksrichtungen süß, scharf und bitter. Für die Atemwege wird Madhurika seltener angewandt, doch auch hier sind die schleimbildenden und auswurffördernden Eigenschaften geschätzt.

Pippali (Langer Pfeffer)

In unseren Gewürzschränken ist der Lange Pfeffer eher seltern bekannt obwohl seine würzende Eigenschaft nicht zu unterschätzen ist. Aus aus diesem Grund findet sich in den Europäischen Werken zur Pflanzenheilkunde seltener eine Auflistung zum Langen Pfeffer, auch als Pippali bekannt. Der Lange Pfeffer wächst in Nordost- und Südindien, ferner in Bangladesh und in Sri Lanka. Pippali ist ein Digestivum und Bronchialsedativum. Genutzt wird hier die frische reife Frucht.

Pippali wird im Ayurveda für die pitta verringernde Wirkung gerne genutzt, gleichzeitig vermehrt es vata und kapha. Der Geschmack ist eher süß wie scharf. In seiner Virya ist Pippali kühlend und das Vipaka ist süß. Für die Atemwege gilt Pippali als hustenreizlindernd. Es tonisiert Rachen und Stimmbänder. Aus diesen Grund sicher von den Skalden geschätzt, auch wenn ich starke Zweifel hege, dass die Skalden Pippali kannten. Neben seiner antiasthmatischen Wirkung wird Pippali sehr gerne als nasya-Medikament eingesetzt.

Zubereitung des Skaldentees

Auch wenn es vielleicht erst mal schwierig erscheint alle Zutaten des Skaldentees zu bekommen, ist die Zubereitung verhältnismäßig einfach. Für einen Liter Tee nimmt man jeweils einen Eßlöffel von Eibisch, Lungenkraut und Süßholzwurzel. Man füge dann noch jeweils einen Teelöffel Fenchelsamen (Pulver oder Samen, gestoßen) und Pippali hinzu. Die Abmessung der einzelnen Zutaten muss nicht genau sein, hier kann man seinen persönlichen Geschmack einfließen lassen. Während vielen Menschen Pippali als Gewürz zu scharf ist, mag ich persönlich wenn der Tee etwas stärkeren Anteil von Pippali hat. Dafür dosiere ich das Süßholz wieder sparsamer. Man bringt alles zusammen mit einem Liter Wasser zum Kochen. Dann abgießen und über den Tag verteilt genießen.

Während ich diesen Artikel geschrieben habe, trank ich brav meinen Skalden-Tee und schätzte das Wabbern meines Aromaöl-Diffusors. Gefüttert hatte ich den Diffusor mit einer eigenen Mischung aus Lemongras, Eukalyptus und Rosengeranium. Neben dem Wohlgeruch sollen diese Ätherischen Öle antivirale, bakterielle oder einfach lufterfrischende Eigenschaften besitzen.

So gerüstet kann meiner Stimme nichts mehr passieren und ich kann den Blick aus meinem Balkonfenster in meinen winterlichen Garten schweifen lassen.


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