Adrian Stemmer

Was die „Hilde“ schon wusste

„Hilde“ ist ein liebevoll gemeinter Kosenamen für eine besondere Persönlichkeit aus dem Mittelalter. Gemeint ist hier die Klosterfrau Hildegard von Bingen, geboren 1098 und gestorben 1179. Also vor sehr langer Zeit und dennoch ist ihre Lehre und ihr Wissen aktueller und moderner den je. Ihre Werke sind zwar schwierig zu lesen, da sie sich der mittelaltrigen Sprache bedient. Viele Begriffe der Neuzeit wie zum Beispiel Bakterien kannte Hilde noch nicht, doch sie war in der Lage diese zu beschreiben, nämlich als kleine Würmchen.

Anders als unsere heutigen Medizinbücher oder Lehren beginnt ihr medizinisches Lehrbuch (Causae et curae) nicht mit der Anatomie des Menschen oder dem Aufbau der Zelle. Sie beginnt ihr Werk mit der Beschreibung der vier Elemente: Feuer – Luft – Wasser – Erde. Aus diesen Elementen besteht der Mensch und auch die ganze Schöpfung. Diese Auffassung finden wir auch in der indischen Lehre, dem Ayurveda. Nur das Hildegard das 5. Element -Akasha, den Äther noch nicht beschreibt oder kannte. Diese Auffassung erweist sich als Bindeglied zu einer ganzheitlichen Lehre. Der elementare Mensch steht als Mikrokosmos in Verbindung mit dem elementaren Makrokosmos. „Jedes Geschöpf ist mit einem anderen verbunden und jedes Wesen wird durch ein anderes gehalten.“

Mit jedem Bissen Brot und jedem Atemzug kommunizieren wir mit dem Makrokosmos. Wie immer auch die Luft beschaffen sein mag, sie beeinflusst uns im Sinne des Wortes wesentlich. Hildegards Ganzheitslehre geht so weit, dass Sie in Bezug auf unser Befinden einen Unterschied macht, ob der Mond im Zu- oder Abnehmen ist. Bei abnehmenden Mind ist z.B. der Samen des Menschen schwächer als bei zunehmenden.

Auch unsere Werke haben Auswirkungen auf den Makrokosmos. Sie verändern die elementare Mischung im positiven oder negativem Sinne, je nachdem, wie weit sie im Einklang mit der Schöpfungsordnung stehen. Jede geistige Unreinheit – und sei es nur ein schlechter Gedanke -„beschmutzt“ das ganze Umfeld. Dies kennen wir übrigens aus dem Yoga bzw. der Indischen Lehre als „Karma“. Und wenn wir betrachten wie sich die Natur in den letzten Jahren durch unsere Beeinflussung verändert hat, umso mehr wird es uns heute klar, dass Hildegards Lehre nicht eine rein Spirituelle ist. 

Das Gleichgewicht der Säfte

Hildegards Elementarlehre wird fließend übergeführt in eine „Humoralpathologie„, eine Lehre des relativen Säfte-Gleichgewichts. Gemeint sind damit die Vorgänge im Stoffwechsel. Die Moleküle des Menschen sind ja ständig im Fluss. Chemische Reaktionen in biologischen Systemen werden bekanntlich von Enzymen katalysiert, die in Millisekunden Substrate zu Produkten umsetzen. Einige Enzyme arbeiten sogar noch schneller, nämlich im Bereich von wenigen Mikrosekunden. Mit einfachen Worten beschreibt Hildegard all diese Vorgänge, die erst in unseren Zeit durch die Molekular-genetik erforscht wurden. So laufen z.B. die Elementarteilchen „bei ihrem Tun wie ein Rad an seinem Umfang geschwind im Kreise umher.“

Die Säftelehre kann man als die Grundlage ihrer Lehre betrachten. Sie wird von der modernen Biochemie und den Forschungszweigen in der Physiologie immer mehr bestätigt. Gesund ist, wessen Körper sich im Fließgleichgewicht befindet. Jede ungeordnete A-symmetrie in den Vorgängen unseres Stoffwechsels ist wie eine verrutschte Ladung auf einem LKW: Es kommt ins Schleudern. Die Unordnung im Laderaum kann durch äußere Einflüsse, z.B. durch schlechte Straßen oder durch das Verschulden des Fahrers entstehen. Das gilt auch für Erkrankungen. Sie können durch äußere Einflüsse oder durch Selbstverschulden auftreten; dabei spielt es keine Rolle, ob wissentlich oder aus Unwissenheit.

In den meisten Fällen liegt Unwissenheit vor. Selbst die moderne Medizin kennt die wahren Ursachen vieler Erkrankungen noch nicht. Gerade hier wird eindeutig, dass Hildegards Werke für uns Menschen eine Offenbarung sind.

Einen tieferen Einblick in die Lebensvorgänge eröffnet aber erst die philosophischen und theologischen Werke. Der Zugang zu diesen Seinsfragen wird abhängig vom Glauben an den dreifaltigen Gott. Erst wenn wir uns als die Nachfahren des gefallenen Menschen erkennen, werden „Auferstehung“ und das „Heils-Werden“ zu einem erstrebenswerten Ziel. In den Werken Hildegards finden wir auf Fragen aller Art überaus zufrieden stellende Antworten. So gelangt der Mensch nicht selten zu einer anderen Lebensauffassung, schöpft wieder neuen Mut und geht gerade Wege. Aus diesem wird ihm die Einsicht zuteil, sich für das wahre und endgültige Leben zu entscheiden.

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