Manchmal erhalte ich Terminanfragen von Patienten, die ihr Leiden mit Ayurveda behandeln und so „wegmachen“ wollen. Dies lässt mich in gewisser Weise schmunzeln, denn die Vorstellung einer Ayurveda Behandlung des Einzelnen entspricht nicht immer ganz der Realität. 

Bei der Terminanfrage steht da meistens so etwas wie „ich möchte meine Akne mit Ayurveda in Griff bekommen“ oder „mit Ayurveda sollen meine Rückenschmerzen besser werden“. Was zunächst als einfache Aussage gemacht ist, hat doch mehr Tiefe als man eigentlich meinen könnte.

Wie behandle ich eine Krankheit oder ein Problem ayurvedisch? Ayurveda ist ein Medizinsystem, das in Indien seinen Ursprung hat und dort schon seit relativ langer Zeit mal mehr oder weniger intensiv angewendet. Obwohl der Ayurveda schon recht alt ist,  ist es sehr schwer Ayurveda auf eine bestimmte Zeit oder Örtlichkeiten einzugrenzen. Sein Ursprung liegt in alten Legenden, Schriften und Mythen. Nicht unbedingt bei einer genauen und spezifisch verlässlichen Quelle, sondern oft sind es unterschiedliche Berichte und Erzählung. Dhanvanatri wird als die Hindu-Gottheit des Ayurveda verehrt. In Indien wird deswegen eine Rezitation für die Gottheit gemacht, denn die Therapie liegt nicht unbedingt im Patienten oder Therapeuten, sondern alleinig in einer göttlichen, übergeordneten Authorität. Die Rezitation ist ursprünglich in Sanskrit verfasst und die Intonation sorgt dafür, dass sich das Bewusstsein auf den Patienten, die Krankheit, die Therapie, das Ziel und die Fähigkeit plus Mittel des Therapeuten richtet. 

Hier eine Übersetzung dieses Dhanvantari-Gebets:

„Der, welcher in seinen vier anmutigen Händen Muschelhorn, Wurfstern, Blutegel und ein Gefäß mit Ambrosia hält, dessen leuchtender, feiner und reiner Schal ihn besonders attraktiv erscheinen lässt und dessen Augen wie Lotusblumen anmuten,

dessen körperliche Ausstrahlung der Farbe einer frischen Regenwolke gleicht

und dessen reizvolle Hüften in ein goldgelbes Tuch gehüllt sind,

vor diesem Dhanvantari beuge ich mich mit Respekt,

der Er verbrennt Krankheit wie ein unbändiger Waldbrand.“

Auszug aus: Hans Heinrich Rhyner: Das neue Ayurveda Praxis Handbuch. Königsfurt Urania, 1997/2004 Krummwisch, S.16.

Ayurveda in Indien

In Indien hat Ayurveda wieder an Stellenwort gewonnen, nicht zuletzt durch den Einsatz des Ministery of AYUSH. Dieses Ministerium der Indischen Regierung hat das Ziel die Naturheilkunde – Ayurveda, Yoga, Homöopathie und andere Verfahren – zu unterstützen und wieder in Forschung, Schulung und allgemein im Gesundheitssystem zu etablieren. Als Heilpraktiker wünsche ich mir eine ähnliche Wertschätzung der Naturheilkunde durch unsere Regierung.

Während der Kolonisation durch die Briten hatte Ayurveda in Indien lange Zeit seinen Stellenwert verloren und galt oftmals als primitive Medizin der Armen und der westlichen Schulmedizin unterlegen. Im Rahmen der Yogabewegung hat auch Ayurveda immer mehr Menschen aus den Westen angezogen. Die Inder wurden sich langsam ihres eigenen Kulturschatzes wieder bewusst und brachten Ayurveda langsam wieder mehr Aufmerksamkeit und dann letztendlich Wertschätzung entgegen. Dennoch hat Ayurveda immer noch einen kleinen Beigeschmack und es ist klar, dass für das Ministery of AYUSH noch viel Arbeit vor sich liegt.

Gibt es den „einen“ Ayurveda?

Wenn man über Ayurveda spricht, muss man sich auch klar machen, dass es den einen Ayurveda nicht gibt. Ayurveda hat je nach Region und Anwender unterschiedliche Ausprägungen erfahren. Im Norden Indiens liegt der Schwerpunkt viel stärker auf die Dravyaguna (Kräuterheilkunde) und andere Anwendungen. Im Süden liegt der Schwerpunkt viel stärker auf den manuellen Therapien und der Wirkungsweise der Massagen.

Diese Unterschiede gehen weiter. Nicht nur die Unterteilung zwischen Norden und Süden hat einen immensen Einfluss auf die Ayurveda Kur sondern auch die persönliche, individuelle Einstellung. Und damit beziehe mich bei weitem noch nicht auf die unterschiedlichen Dosha und ihren Untertypen.

Auch manch indisches Ayurveda Institut hat auch die Erfahrung gemacht, dass Ayurveda Kuren wie zum Beispiel die PanchaKarma Kur (indische Reinigungskur) nicht eins zu eins auf westliche Patienten umzusetzen ist und dort auch viele Adaptionen benötigt, um beim Patienten eine gewisse Bereitschaft zu erfahren. Einen indischen Patienten aufzufordern ein Glas Ghee zu trinken, wird keine großartigen Probleme machen. Für einen Europäer stellt der Gedanke pures Fett zu trinken eine viel größere Hemmschwelle dar. Hier muss der Therapeut dem Patienten mehr aufklären und entgegenkommen. Ein einfaches „Drink it“ will hier weiter erklärt werden.

Westliche Patienten haben sich oft extra Urlaub für die lange Reise nach Indien genommen. Schon die Anreise verlangt einen gewissen finanziellen Einsatz. Und man tröstet sich selbst mit den Gedanken bei Ausflügen die exotischen Orte und schillernden Farben selbst sehen zu können… Dies deckt sich nicht oft mit dem therapeutischen Gedanken der Kurleitung. Der westliche Mensch leidet bereits an einer Vata-Störung. Und die Vata-Störung wird unter anderem durch „Entschleunigung“ therapiert. In anderen Worten: Der Patient soll in der Ayurveda Klinik bleiben und keine Besichtigungen machen.

Eigenes Bild während einer Tour in den Backwaters, Kerala.
Sonnenuntergang in den Backwaters, Kerala

Oder die Vorstellung der indischen Speisen entsprechen nicht immer der Vorstellung, die man an Ayurvedische Gerichte oder einer Ayurveda Kur hatte. 

Eigenes Bild, Thali
Indisches Thali, traditionell auf einem Bananenblatt serviert

Eine medizinische Ayurveda Kur ist wahrlich keine Wellness oder Vergnügen. Man erwartet von seinem Gegenüber, dass man den Anweisungen der Kur rigide folgt und auch nicht zu viele Fragen stellt. Das westliche Bedürfnis nach Aufklärung und Adaption wird hier vom Therapeuten oft als ein weiteres Ausleben einer Störung des VATA-Dosha angesehen. Aus diesem Grund möchte der indische Therapeut nicht unbedingt auf dieses Erklärungsbedürfnis eingehen. Mit der gewissen asiatischen Gelassenheit wird verstanden, dass der Ayurveda durch seine Rhythmen und Therapien eine heilende Wirkung auf Körper, Geist und Seele erreichen wird. „Alles wird gut werden!“

Dies ist nicht immer möglich, denn der westliche Patient hat nicht unbedingt Zeit für eine 6-wöchige Kur wie Sushruta (Ayurveda „Klassiker“) in seinen PanchaKarma Erläuterungen beschreibt. Oft wird für die Ayurveda Kur in 14 Tagen und teilweise weniger Zeit zu einem hohen Preis (nicht nur finanziell) durchgeführt. Der Therapeut gibt dem heimreisenden Patienten Empfehlungen und Anweisungen mit, die er noch unbedingt zuhause für 14 Tage oder besser noch länger durchführen soll. 

Nach der Kur ist vor der Kur

Der Wille ist stark, doch das Fleisch ist schwach. In seinem gewohnten Umfeld erliegt man schneller den Versuchungen seiner Gewohnheiten oder lieb gewonnenen Unsitten – zum Beispiel der Kaffee oder das Glas Bier -. Diese Angewohnheiten sind unter dem üblichen Lebensumständen harmlos. Direkt nach einer Ayurvedischen Kur bringen diese Gewohnheiten das fragile Gleichgewicht der Behandlung wieder durcheinander und wirken sich intensiver Wirkung aus.

Es kommt wie es kommen muss, man wird krank und fühlt sich kränker als vor der Reise nach Indien. In der Verzweiflung wird der Hausarzt aufgesucht und um Hilfe gebeten. Der Hausarzt nimmt Blut ab, denn man will ja mögliche Infektionen aus einem Risikogebiet ausschließen. Sobald der Arzt dann die Laborwerte erhält, ist er und auch der Patient sehr überrascht. Doch dies möchte ich nicht weiter hier an dieser Stelle beschreiben. Dem ayurvedischen System liegt eine andere Philosophie und ein anderes Verständnis zugrunde. Nach westlichen Maßstäben kann dies eher schlecht als recht beurteilt werden.

Wie behandele ich nun mit Ayurveda?

Doch nun lautet die Frage ja, wie ich eine Erkrankung ayurvedisch behandeln will. Meine bisherigen Ausführungen sollten deutlich machen, dass im Ayurveda eins und eins nicht automatisch zwei ergibt. Viele Faktoren sind im Ayurveda maßgebend. Das System des Ayurveda ist ganzheitlich orientiert und sieht daher auch in den Erkrankungen – ähnlich wie im TCM – eine Art Disharmonie oder Fehlverteilung der energetischen Kräfte. Und die Disharmonie kann nicht nur auf einen Punkt oder Ursache zurückgeführt werden. Unser westliche Wunsch eine Aspirin einfach durch eine ayurvedische Tablette zu ersetzen, ist eben aus diesem Grund nicht so anwendbar.

Eine Erkältung lässt sich durchaus so kurieren: man ersetzt die klassischen Präparate durch ayurvedische Mittel und hat durchaus eine große Chance, dass dies auch funktioniert. Nicht ohne Grund ist der Samahan-Tee bei Flugbegleitern sehr beliebt. Er ist ohne Aufwand anzuwenden und durchaus schmackhaft.

Ist die Erkrankung komplexerer Art, wird auch die Therapie aufwendiger. Aufwendig bedeutet nicht, dass statt einer Tablette nun zwei oder mehr eingenommen werden muss. Die ayurvedische Therapie möchte nicht die Symptome der Erkrankung behandeln, sondern in die Grundursache eintauchen. Der Patient soll sich mit aller Kraft innerlich wie äußerlich auf seine Gesundung konzentrieren. Dazu bekommt er viele unterschiedliche Aufgaben und Verantwortungen, die dauerhaft in das Leben zu integrieren sind. Die ayurvedische Morgenroutine – Dinacharya – ist dabei schon fast Pflicht.

Traditionell wird in der Ayurvedischen Therapie selbst vor der Einnahme einer Tablette ein kleines Mantra (Gebet) gesprochen, um so neben der körperlichen Wirkung auch eine Wirkung feinstofflicher Art zu erreichen.

Fazit

Wenn mich nun die Patienten anschreiben, dass sie die Erkrankung oder ein körperliches Problem mit Ayurveda therapieren wollen, müsste ich korrekterweise zurückschreiben, ob sie bereit sind ihr Leben neu zu gestalten.

Doch man möchte neue Patienten nicht unbedingt verprellen. Man macht sich klar, dass auch ein kleiner Schritt – die Bereitschaft zum Heilpraktiker zu gehen – bereits der Schritt in eine Veränderung ist. So begrüßt man den Patienten lächelnd und freut sich, ob diese Person bereit ist etwas Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen.

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