Adrian Stemmer

Shirodhara – das Öl mag fließen und das Vata sich beruhigen

Shirodhara  ist wohl die bekannteste Anwendung aus dem Ayurveda. Auf verschiedensten Bilder von Wellness-Instituten sieht man die Anwendung abgebildet und auf den Broschüren namhafter Kurinstitute wird er aufgezählt. Somit ist Shirodhara für viele Menschen das Bild des Ayurveda schlechthin geworden.  Und so wird Shirodhara als die Königsbehandlung der Anwendungen bezeichnet. Aber was zeichnet den Shirodhara nun als solche Anwendung so besonders aus? 

Technische Durchführung

Die technische Durchführung des Shirodhara gibt relativ wenig Informationen preis und lassen auch wenig Rückschluss auf die Wirkungsweise zu. Es wird ein erwärmter Öl-Strahl kontinuierlich über die Stirn des Patienten gegossen. Wichtig ist dabei, dass dieser Öl-Strahl nicht zu warm sein soll. Die Temperatur wird dabei dem Dosha – der Körper-Geist-Konstitution – des Patienten angepasst und hat eine therapeutische Bandbreite von ca. 36 -39° C. Hierbei soll das persönliche Temperaturempfinden des Patienten nicht ausser acht gelassen werden. Auch das Öl wird entsprechend ausgewählt, klassischerweise findet sich hier Sesamöl als Basis. Dieses Öl kann auch zum Beispiel mit Ghee vermischt werden oder es kommen klassische Ayurvedische Öle zum Einsatz wie zum Beispiel Dashamuladi thailam. Die Behandlungsdauer richtet sich – wenig überraschend – nach den Bedürfnissen des Patienten. Im Wellnessbereich wird  Shirodhara  eher kürzer gehalten, tendenziell bewegt man sich hier im Bereich von 20 – 30 Minuten. Anders verhalten sich die Zeiten im therapeutischen Bereich. Je nachdem wieviele Sitzungen hier geplant sind, kann eine Sitzung bis zu 50 Minuten Öl-Strahl beinhalten.  In extremen Fällen und einem starken Therapeuten sind sogar Anwendungen mit einem Maximum von 90 Minuten denkbar und möglich. Dazu muss der Patient aber gut vorbereitet sein und nach der Anwendung auch wieder entsprechend herausgeführt.

In der Wellness-Industrie – nutze nun absichtlich den Begriff „Industrie“ – wird Shirodhara oft direkt angewendet. Dies erlaubt es den Stirnguss weniger aufwendig durchzuführen und kommen dem Anwender entgegen. Hierzu muss sich vorher nicht entkleidet werden und kann warm angezogen auf der Behandlungsliege liegen. Leider geht so der wichtiger Ayurvedische Grundsatz „niemals ohne eine Körperölung“ verloren. Diese vorherige Ganzkörper-Ölung erlaubt das ganze Nervensystems des Körpers zu bearbeiten und zu berühren. Auch mit dem Hinblick eine längere Zeit auf der Bank zu ruhen, ist es gut den Körper vorher vorzubereiten und zu bewegen.Man muss sich bewußt machen,  dass der Blutdruck während der Shirodhara-Anwendung gut abfallen kann. Gerade zierliche Personen – im Ayurveda oft der Vata-Konstitution zugeordnet –  benötigen auch aus diesem Grund eine Zudecke und eventuell sogar eine Wärmflasche.

In der Ayurvedischen Literatur wird als bester Behandlungszeitpunkt morgens zwischen 7 – 10 Uhr angegeben, oder alternativ zwischen 14 – 18 Uhr. Man kann dies noch intensivieren, indem die Shirodhara-Serie im Frühling oder Herbst eingeplant wird. In Indien wird dann Shirodhara täglich für einen Zeitraum von 7 bis 14 Tagen durchgeführt.

Aus welchem Grund?

Nach dieser technischen Beschreibung fragt man sich aus welchem Grund Shirodhara angewendet wird. Therapeutische Gründe zur Durchführung findet sich häufig bei den Krankheiten des Nervensystems und bei verschiedenen psychischen Störungen. Diese Erkrankungen werden dem Vata Dosha zugeschrieben. Shirodhara ist eine Schwitzbehandlung  Svedana – daher auch keine Schwitzbox im Anschluss -. Die Durchführung erfolgt mit Öl und aus diesem Grund eine nährende Therapie – Snehana  und  Brimhana).  Auch der Guss von Milch über das Shivalingam in Indien ist eine Form eines Dharas – Guss. Das Shivalingam  ist dem indischen Gott Shiva  geweiht und stellt eine körperliche Form dar. Shiva  ist für sein schnell außer Kontrolle geratenes Temperament bekannt. Das Übergießen des Shivalingam mit Milch soll den Gott deshalb wieder beruhigen.

Der ununterbrochene Ölfluss löst einen entspannenden Impuls in den Gehirnzellen aus. Dadurch erhöht sich die Kohärenz der Gehirnwellen. Die linke und rechte Gehirnhälfte finden wieder ihre Balance. Das vegetative Nervensystem – Sympathikus und Parasympathikus – wird ausgeglichen. Die Hypophyse (Gehirnanhangdrüse zwischen den Augenbrauen) erfährt eine sanfte Stimulation und das steigert die Aktivität der Killerzellen. Vorhandene Spannungen in der Wirbelsäule, den Hirnhäuten und Gehirnnerven werden abgebaut. Starke Emotionen sowie permanenter negativer Stress erhöhen die Ausschüttung von Adrenalin. Dies wiederum beschleunigt den Alterungsprozess und schwächst das Immunsystem. Shirodhara soll den starken Emotionen und negativem Stress besänftigen (Samshamana), daher verjüngend und immunstimulierend (Rasayanam).

So erklärt sich nun auch die Liste der Erkrankungen, die in Indien mittels Shirodhara  behandelt werden:

  • Augenprobleme (erhöhter Augeninnendruck)
  • Vata bedingter Bluthochdruck
  • Übelkeit
  • Migräne, chronische Kopfschmerzen
  • Facialisparese
  • Hemiparese wie beim Schlaganfall
  • M. Parkinson, seniler Demenz
  • Herzrhythmusstörungen
  • Colitis ulcerosa, M. Crohn
  • Psoriasis, Neurodermitis
  • Depressionen, Psychosen, Angstsyndrome, Schizophrenie
  • Nasen-Ohren-Erkrankungen (z.B. Tinnitus, Hörschwäche)
  • Schlafstörungen, Gedächtnisschwäche
  • Müdigkeit, Mangel an Vitalität
  • Vegetative Störungen und allgemeine Stress-Symptomatik
Kontraindikationen

Die Gründe der Kontraindikationen sind durch die obigen Ausführungen deutlich. Aber sicherheitshalber seien sie nochmals erwähnt. Die Schwitztherapie (Svedana) in Verbindung mit Shirodhara. Schwacher Blutdruck – Hypotonie – sowie Kreislaufschwächen, die Menstruation und Diabetes sind weitere Ausschlussgründe für dieses Therapieverfahren. Innerhalb einer Pancha Karma – Kur (die klassische Ausleitungs- und Reinigunskur des Ayurveda)  ist die Anwendung durchaus sinnvoll, sollte aber niemals am Anreise oder Abreisetag durchgeführt werden! 

Shirodhara ist eine gute Vorbereitung auf eine weitere Ayurvedische Behandlung, der Nasya.

Wie können Sie selbst am Besten von der Behandlung profitieren?

Um von Shirodhara gut profitieren zu können, vertrauen Sie dem Therapeuten! Deswegen sollte der Therapeut nicht einfach leichtfertig ausgewählt werden, sondern sollte einen kompetenten Eindruck vermitteln und selbst die Ruhe ausstrahlen, die Sie durch die Anwendung erfahren wollen. Ein guter Therapeut kann die Wirkung des Shirodhara erläutern und wird auf eventuelle Kontraindikationen hinweisen.  

Machen Sie auch nicht unbedingt einen Shirodhara, weil er eine Angabe auf der Kurbeschreibung war. Im Rahmen einer Wochenend-Kur kann der Shirodhara selten seine volle Effizienz entfalten, zumal die Begleitbedingungen nicht unbedingt ideal sind.

Shirodhara als Geschenkgutschein

Als Therapeut erhalte ich oft Anfragen von Menschen, die einen Shirodhara  als Gutschein verschenken möchten. Hier bin ich oft hin- und hergerissen. Eine solche Anwendung sollte nicht einfach verschenkt werden. Es werden Erwartungen geweckt, die im ersten Moment durch die falschen Bedingungen – Raum, Zeit und Ort – nicht erfüllt werden können. Und der bewusste Therapeut steht vor dem großen Problem, dass er der hypotonischen Frau gerade zum Zeitpunkt ihrer Mensis erklären darf, warum er nun keinen Shirodhara  trotz Gutschein durchführen wird. Und nicht jede(r) Gutschein-Inhaber(in) lässt sich diese Gründe näher bringen oder zeigt Verständnis für das therapeutische Bewusstsein.

Auch ein wirtschaftlicher, ökologischer Aspekt darf nicht vergessen werden: Shirodhara wird mit reichlich, gereiftem (Bio-) Öl, mindestens 1,5 Liter durchgeführt. Dieses Öl ist nach einmaligem Gebrauch zu entsorgen. Dies gebietet schon unser Hygiene-Grundverständnis. Bei einer Serie kann das Öl mehrmals (maximal 3) genutzt werden und wird entsprechend aufbereitet und angereichert. Hierzu wird das Öl nach jeder Behandlung auf 108° C erhitzt und gefiltert. Somit werden Schweißtropfen und Rückstände entfernt. Meistens wird diesem aufbereiteten Öl noch frisches Öl zugefügt. 

Fazit

Shirdhara  ist eine besondere Anwendung des Ayurveda und hat wahrlich königliche Wirkungen wenn es bei der geeigneten Person korrekt angewendet wird. Shirodhara sollte nicht unbedingt als eine Einzelbehandlung – auch im Wellness-Bereich – gebucht werden. Hier sollten andere vorbereitende Anwendungen z.B. eine Abhyanga vorher durchgeführt werden. Nach dem Shirodhara sollte sich Zeit genommen werden, entsprechend aus der Anwendung zurückzukommen. Verantwortungsbewußte Therapeuten bieten meistens Shirodhara als Serie zu einem Paketpreis an. Sprechen Sie ruhig den Therapeuten an und informieren Sie sich! Elemental Yoga Offenbach bietet Shirodhara  zu einem Serienpreis vergünstigt an. 

Auf dass das Öl fließen und das Vata sich beruhigen mag!

1 Kommentar zu „Shirodhara – das Öl mag fließen und das Vata sich beruhigen“

  1. Dieser Beitrag beinhaltet alles, was jeder über den Shirodhara wissen sollte und auf eine, auch für einen „ Ayurvedaanfänger“ ,verständliche Weise. Auch auf den sensiblen Umgang und Anwendung wird sehr gut eingegangen! Prima !!

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